Aussage versus Legende.

Einer der schlimmsten Begriffe im Bereich des Redens über Photographie ist derjenige der „Aussage“ eines photographischen Bildes (énonciation - Heraussage -, énoncé - Herausgesagtes -, Prozess und Resultat, beides besagt „Aussage“). Denn dieser Begriff benennt das Verlassen des Bildes auf einen Satz hin. Wer aber das photographische Bild verlässt, hat dort nichts zu sehen bekommen.

Denn das Bild, das wirklich etwas zu sehen gibt, lässt den Betrachter nicht mehr los. Das gilt auch für das photographische Bild. Wie denn? Indem es etwas zu sehen gibt, das an ihm selbst zeigt, dass es auf keinen Fall je zu Ende gesehen sein wird. Die Aussagenden aber machen sich anheischig, das Bild zu Ende gesehen zu haben, so zwar, dass sie dieses Gesehene aus dem Bild herausnehmen und in einen Satz übertragen können. Das Bild erschöpft sich im Satz und wird damit hinfällig. Solche Bilder gibt es tatsächlich, nur sind das keine Bilder, sondern Illustrationen von Sätzen - üblich etwa in der Werbebranche. 

Das Bild ist „wesentlich“ Bild, wenn es jegliche Aussage in seiner Fülle überschiesst oder an seinem inhärenten Mangel zersetzt: Da zeigt es an ihm selbst Schwellen der Sichtbarkeit (des „seuils de la visibilité“), ist das Sichtbare an ihm immer bezogen auf Unsichtbares, die sichtbare Hälfte eines Gesichts im Profil etwa bezogen auf dessen unsichtbare Hälfte, dann auf das „Innere“ dieses „Äusseren“ usw. Das sind Bedeutungsbeziehungen unterschiedlichen Grades der Verwirklichung, zum Teil voll ausgebildet, zum Teil in statu nascendi. Gäbe es in einem Bild nur voll ausgebildete Bedeutungsbeziehungen, die sich zudem in nur eine Richtung voll auslegen liessen, könnte man in der Tat geneigt sein, diese in einer Aussage zu versammeln zu suchen. Nur schon die Vielschichtigkeit vollausgebildeter Bedeutungsbeziehungen in einem facettenreichen Bild jedoch, vollends aber die Konkurrenz nur halb oder schwach ausgebildeter Bedeutungsbeziehungen, sie vereiteln jeden Versuch der Aussage. Denn das mehr oder weniger Unsichtbare, auf dessen Grund das Sichtbare erst stoffliche Dichte und Leuchtkraft gewinnt, lässt sich nicht aussagen. Wer diese im dunklen Grund schimmernden Diamanten ans Licht zu heben sucht, hat schliesslich nur graue Steine in Händen.

Anders die Legende. Eine solche steht fast unter jedem Bild Paul Klees, unter Bildern also, die, darüber herrscht Konsens, auf keinen Fall verlassen werden können. Die Legende sagt nicht aus, sie weist hin, elle „pointe“ vers, als Perspektivengebung. Die kann direkt sein, sie kann aber auch ironisch sein (wie oft, wie mir scheint, bei Klee), scherzhaft, sie ist ein Lektüre-Hinweis, ihr Pfeil geht Richtung Einstieg, also in die Gegenrichtung der Aussage, die den Ausstieg meint. Während also die Aussage das Verlassen des Bildes bezweckt, will die Legende hinführen zum Sich-Einlassen auf das Bild. 

Ich habe hier einen Maler angeführt. Das scheint mir legitim, und das höchste Ziel des Photographen, scheint mir, müsste sein, so zu photographieren wie Paul Klee malt. Schon klar, dass das nicht geht. Es geht dennoch, aber anders. 

Photographie: die Einklammerung der Referenz I

Im Bild steht die innere Kommunikation stets in Konkurrenz zur Referenz, dem Bezug zu einem Äusseren, Abgebildeten bzw. Bezeichneten und dadurch in der Imagination Vorgestellten. In seltenen Fällen gelingt dann das Zusammenspiel, indem etwa das Abgebildete zur Metapher der inneren Kommunikation und dadurch in diese selbst hineingezogen wird - schöne Beispiele dafür sind im Bereich der Lyrik etwa die Gedichte von Mallarmé, mais „un coup de dés jamais n‘abolira le Hasard“.

Denn wie in der (durchaus auch abbildenden) Wortsprache ist im photographischen Bild die Referenz das, worein wir geworfen sind, also das Zufällige, die innere Kommunikation hingegen das, was wir, redend, abbildend, allenfalls selber schaffen - insofern wir es nicht einfach dumpf geschehen lassen, wie im Daherreden oder, bei der Photographie, im blossen Hinhalten der Kamera und blinden Betätigen des Auslösers. 

Die Photos, die ich in grösseren Formaten drucken lasse, stehen allesamt in diesem Spannungsfeld von innerer Kommunikation einerseits und Referenz andererseits, ja sie halten und tragen diese Spannung aus.

Um die innere Kommunikation eines Bildes mit und gegen dessen Referenz in Austrag zu bringen, braucht es deren Einklammerung. Eine Beseitigung ist das nicht. Daher sind meine Bilder auch nicht abstrakt. Sie abstrahieren nicht vom Konkreten. Vielmehr tritt in ihnen die innere Kommunikation in voller Konkretion in Erscheinung. Denn in ihr findet in diesen Bildern eine fast vollständige Kommunikation, ein fast vollständiger Austausch von Innen und Aussen statt. Während also in der referenziellen Darstellung der Zug des Sehens fast ganz aufs Aussen geht und in der abstrakten Darstellung fast ganz aufs Innen, sind wir hier im Reich der fast vollständigen gegenseitigen Durchdringung von Innen und Aussen. Zum Beispiel im Bild „Le lit de l‘Areuse“:

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L'ambiance.

L’ambiance, c’est ce bassin de reflets où l’âme prend son bain. D’aucuns appellent „magie“ ce miroitement des effets de la communication entre les êtres et les choses devant des décors variés. Ceux qui traversent la scène s’en aperçoivent bien moins que les témoins qui la contemplent à distance, celle qu’ouvre la caméra, instrument presque de musique qui permet de saisir ces moments de rêve, instrument qui facilite, encourage et soutient le processus d'approfondissement du moment saisi pour lui-même. Ce que tu photographies, c’est la communication intrinsèque d'un instant privilégié, communication qui continue d’avoir lieu dans la photographie même. Celle-ci communique la communication, sa teneur.

Il est vrai, cependant, que tel reflet singulier brille là pour lui même, à la fois élémentaire et autonome, résistant ainsi au lien qui s’établit entre lui et les autres reflets, empêchant le mélange qui résulterait de leur fusion. La photographie témoigne de cette résistance, énigme des phénomènes. 

Der Kriegsberichterstatter (Fortsetzung)

Aus einer Sitzung der Photographischen Gesellschaft Bern. 

Diesmal berichtete der Kriegsberichterstatter nicht von der Front, sondern von anderen Problemzonen - in Bangladesch. Von der überaus umweltschädlichen und für die Arbeitenden lebensgefährlichen Verschrottung alter Lastschiffe und von der Welt grösstem Flüchtlingslager an der Grenze zu Myanmar. Sein Hauptinteresse freilich gilt den Hot Spots. So war er wieder in Mosul gewesen, um an Säuberungsaktionen der irakischen Polizei gegen verbliebene IS-Kämpfer teilzunehmen. Es kam zu schweren Gefechten. Das, sagte er sinngemäss, sind die Auseinandersetzungen, bei denen ich als Photoreporter dabei sein will. Er hätte auch sagen können: Da gehöre ich hin. Ich?

Ich denke, es geht hier um die Tilgung des Ich und dessen eventuelle Auferstehung. Das „eventuell“ ist mir hier wichtig, denn ich bin mir darüber nicht so sicher, über die Tilgung hingegen sehr wohl. Was ist schon das Ich? Eine kulturelle Errungenschaft unter anderen, in anderen Kulturen viel weniger ausgeprägt als hierzulande. Wer sich dorthin begibt, merkt bald: Dieses Ich stört nur. Es ist Teil eines Hirngespinsts, der sogenannten kulturellen Brille, das uns am Sehen hindert. Mit der Tilgung des Ichs meine ich nicht primär so etwas wie die Todessehnsucht des Kriegsberichterstatters, sondern den unbändigen Wunsch des Photographen nach dem unverstellten Sehen, von dem er in seinen Bildern Zeugnis ablegen will. Bei Robert Walser etwa bin ich der Auffassung, dass der deshalb so klein sein wollte, um alles Verfälschende zwischen sich und der erscheinenden Welt möglichst verschwinden zu lassen. Bei Alex Kühni sehe ich den Furor des In-die-Gefahr-Laufens als Dimension des konsequenten Strebens nach der alles aufzeigenden Bilderreihe, welche die Selbstbeseitigung der Subjektivität des Zeugen erheischt. Da war doch ganz schön dieser Umkehrbeweis: Wo keine Gefahr war, da wurde der Photograph auf sich zurückgeworfen in seiner Auffälligkeit für die anderen im sozusagen touristenfreien Bangladesch. Sein Ärger darüber ging meines Erachtens über die blosse Szene hinaus: Gerade diese Auffälligkeit erinnerte schmerzlich an jene Westler-Identität, die weg muss wegen des Anspruchs seiner Photographie auf Unverstelltheit.   

Unverstellt sehen lassen kann aber nur ein solches Zeigen, das nicht aus subjektiven Gründen stattfindet, etwa von einer Ästhetik und Ökonomie der Westler-Identität her, sondern weil das Gezeigte sein Gezeigt-Werden von sich her erheischt, über alle Traditionen hinweg. Einen solchen Imperativ kann nur ein Skandalon von Weltrang bieten. Betrachten wir die Inhalte, denen der Kriegsberichterstatter nachgeht, sehen wir uns in dieser Feststellung bestätigt: Es sind die Welt-Hot-Spots, die ihn magisch anziehen, die Metaphern der Weltkonflikte, die Allegorien des Weltuntergangs, sie sind Gegenstand seiner Erzählungen. 

Dass er jetzt nicht mehr weiterhin von hier aus vermeintlich gesicherter Warte nach dort zu den Hot Spots reist, sondern gleich dort wohnen will in Zukunft, ergibt sich wiederum schlüssig aus unserem Raisonnement. Quod erat demonstrandum.

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Ist die Schweiz noch eine Willensnation?

Reprise: Vortrag vom Dienstag, 18. September 2007,

vor dem Rotary-Club Konstanz

Die Nationalstaaten haben sich schon immer mit über die gemeinsame Sprache ihrer Angehörigen definiert. Gewiss war und ist die Sprache nicht das einzige, und gewiss nicht ein der abschliessenden Abgrenzung dienendes Argument der nationalen Zusammengehörigkeit. Aber dass die Sprache, in der die Verfassung geschrieben ist, die gemeinsame sei, ist für deren Geltung in den grossen Nationen wichtig. Für die aus vier verschiedenen Sprachregionen bzw. je einer lateinischen und einer germanischen Hauptregion bestehende Schweiz kam dieses wichtige Argument des nationalen Zusammenhalts nicht in Betracht. Dies war das Motiv, von einer Willensnation zu sprechen als einem Gebilde, dessen Angehörige trotz Zugehörigkeit zu verschiedenen Sprachgemeinschaften zusammen eine politische Gemeinschaft konstituieren. Dieses Argument wog um so mehr, als jene Nationen, welche die in der Schweiz vereinigten Sprachregionen ausserhalb des Landes hauptsächlich repräsentieren, immer wieder untereinander in Kriege verwickelt waren. Während also die Franzosen und Deutschen sich wiederholt in kleineren und auch grossen Kriegen die Köpfe einschlugen, bildeten die vielsprachigen Schweizer ein „einig Volk von Brüdern“. In diesem Kontext des Zusammenfindens von Teilen der im Ausland verfeindeten Sprachgemeinschaften ist denn auch die schweizerische Neutralität verständlich. 

In der Deutschschweiz war für jemanden, der wie ich zu Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurde, in der vorhergehenden Generation eine starke sprachliche Abgrenzung gegenüber dem grossdeutschen Raum spürbar, die mit ebenso starker Ablehnung verbunden war. Darin unterschied sich die Deutschschweiz von der Welsch­schweiz. Das Verhältnis des Welschen zu den sprachlichen Artgenossen jenseits der Grenze war und ist vergleichsweise unverkrampft. In ihrem sprachlichen Gestus zeigte sich die Mentalität der Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer noch in der Nachkriegszeit ihren Kindern in jener Figur, die das Militär in der Form des Igels gegen Hitler-Deutschland in Anschlag gebracht hatte. Zwar war das Schriftdeutsche oder Hochdeutsche die offizielle Amts- und Schulsprache, aber verwendet wurde sie nur in einer eigenartig eingeschweizerten Form. Als Radiosprecherinnen und –sprecher kamen nur Personen in Frage, die markant eingeschweizertes Deutsch sprachen, während in der Westschweiz das gehobene Französisch sich immer eines uneingeschränkten Prestiges erfreute. So wurde noch in den 50er Jahren das heranwachsende Kind in unseren Breitengraden sehr deutschskeptisch sozialisiert. Dieser Bruch des Deutschschweizer Teils der Schweizer Staatsbevölkerung mit der eigenen umfassenden Sprachgemeinschaft war für sprachlich sensibilisierte Personen immer ein Problem. Er bedeutete für den Deutschschweizer die erschwerte Teilhabe am Kulturgut dieser Sprachgemeinschaft, eine durch die kleinnationale Realität erzwungene Beschränkung. 

In den späten 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Schweiz in unserem Empfinden, wahrscheinlich aber auch objektiv die wirtschaftlich am meisten prosperierende Gegend Europas. Von zwei Weltkriegen verschont, profitierten wir auf hohem Niveau von der Wiederaufbauarbeit in den umliegenden kriegsversehrten Ländern. An erster Stelle stand in unserer Wahrnehmung wirtschaftlich die arbeitsame Deutschschweiz, zu ihr gehörte die weniger fleissige Welschschweiz, und dazu kam noch das Tessin als touristische Sonnenstube. Für den nationalen Zusammenhalt sorgten gemeinsame Institutionen wie die Armee, die AHV, die staatlichen Regie-Betriebe PTT und SBB, die schweizerische Landestopographie und damals noch und bis Mitte der 90er Jahre die Swissair. Zudem statteten Schweizer Banken und Grossunternehmen Niederlassungen in der Westschweiz mit Entscheidungszentren aus, eine Praxis, die sich vor allem in den 90er Jahren völlig verändert hat. 

Unausgesprochen noch lauerte schon damals, während der langen Rezession der ersten Hälfte der 90er Jahre, in vielen Köpfen und Herzen die Angst vor einem Stillstand oder gar Niedergang der Schweiz. Sicher war: Die Schweiz hatte ihre durch Kriegsverschonung angesammelten Reserven aufgebraucht, ihr wirtschafts- und bildungspolitischer Vorsprung vor anderen europäischen Ländern schwand zusehends, die Staatsquote stieg und stieg, auch unter bürgerlichen Mehrheiten. Mit dem Fall der Berliner Mauer und der daraus hervorgegangenen Wiedervereinigung Deutschlands begann ein anfänglich kaum spürbarer, bis heute noch nicht ganz begriffener Bedeutungsverlust der Schweiz im Verhältnis zu ihrem grossen Nachbarn im Norden sowie zu Europa ingesamt.  

Im Oktober 1992 entschied sich die Schweiz im Verhältnis zum übrigen Europa zum  sogenannten „Alleingang“. Bei jener Abstimmung über die Mitgliedschaft im EWR wurde auch das Verhältnis zwischen Welsch- und Deutschschweiz, der sogenannte „Röschtigraben“, erneut zu einem brennenden Thema. Die Welschschweiz hatte mehrheitlich für, die Deutschschweiz mehrheitlich gegen die Mitgliedschaft im EWR gestimmt. Vor dem Hintergrund des Verhältnisses dieser Sprachregionen zu ihren umfassenden Sprachgemeinschaften erstaunt uns das wenig. Der Deutschschweizer Igel kam voll zum Tragen, vor allem durch die vom SVP-Politiker Christoph Blocher inspirierte Anti-EWR-Kampagne. Gleich wichtig für die Verschlechterung des welsch-deutschschweizerischen Verhältnisses waren die wirtschaftlichen Mikrovorgänge. Immer mehr grössere Unternehmen, vor allem auch die Banken, zogen lokale Entscheidungszentren aus der Welschschweiz ab. Zum Ausbruch kam die Ungehaltenheit über diese Entwicklung am Fall des Entscheids von Swissair-CEO Philippe Bruggisser, die meisten Langstrecken-Flüge von Genf Cointrin im Zuge der Mega-Hub-Strategie Kloten abzuziehen. Die Konzentration auf die Wirtschaftsräume Zürich und Basel wurde vorangetrieben. 

Im Gegenzug entstand in der Westschweiz die schwergewichtige Metropolitanregion Léman, die die Agglomerationen Lausanne und Genf sowie Teile der angrenzenden französischen Agglomeration umfasst. Seither wird die Schweiz zusehends von zwei wirtschaftlichen Ballungsräumen geprägt: dem Raum Zürich – Basel und dem Raum Lausanne – Genf, dem Léman. Mir will scheinen, dass diese zwei Gravitationsräume sich ziemlich unabhängig voneinander entwickeln. 

Immer wieder zwar richten sich die Blicke mancher Westschweizer Klein- und Mittelunternehmer auf den Deutschschweizer Markt. Doch ist der Weg in die Deutschschweiz für Westschweizer Firmen beschwerlich. Vor allem linguistische Barrieren versperren den Weg spätestens nach Neu­enburg, Biel oder Fribourg. Menschen französischer Muttersprache haben Mühe mit dem deutschschweizerischen Dialekt. Die Abneigung wiederum vieler Deutschschweizer gegenüber der Fremdsprache Hochdeutsch verschärft diese Schwierigkeit. Hinzu kommt, dass die ehemals für ihre Fremdsprachenkenntnisse viel gerühmten Deutschschweizer immer weniger des Französischen mächtig sind. Das Französische ist in der Konkurrenz der Fremdsprachen gegenüber dem Englischen ins Hintertreffen geraten. 

Während die Kommunikationsintensität mit aller Welt zunimmt, nimmt sie zwischen Welsch- und Deutschschweizern eher ab. Während also fern gelegene Teile der Welt zusammenrücken, kann es sein, dass nahe gelegene Teile voneinander abrücken. Es ist heute auf vielen Gebieten wahrscheinlich für jemanden in Zürich genau so nahe liegend, mit jemandem in Singapur zusammenzuarbeiten wie mit einem Partner in Neuchâtel, Lausanne oder Genf. Die Emanzipation vom Ort führt zur Auflösung geographischer Abhängigkeiten und Solidaritäten, die dann nur noch von jenen einfordert werden, die an der Emanzipation nicht teilhaben, also den Globalisierungsverlierern. Die wirtschaftliche Mikrovernetzung zwischen den Landesteilen nimmt in der Globalisierung ab, und damit auch der nationale Zusammenhalt der Schweiz.

Zudem wird allmählich spürbar, dass die Schweiz von heute im Verhältnis zur Schweiz der Nachkriegszeit beträchtlich geschrumpft ist, insbesondere im Verhältnis zum wichtigsten Handels- und Wirtschaftspartner Deutschland. Ein Lehrstück für diesen Bedeutungsverlust der Schweiz gegenüber Deutschland ist das Dossier Flughafen Zürich. War es zu Bonner Zeiten der Schweiz aufgrund exzellenter Beziehungen und freundnachbarlicher Verbandelungen noch möglich, beim Anflugregime auf den Zürcher Flughafen ihre Interessen gegen diejenigen der Bevölkerung des südlichen Baden-Württemberg unter permanenter Missachtung bestehender Verträge durchzusetzen, gelang dies nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr. Die Gestaltungsaufgaben wie die Gestaltungskraft Deutschlands haben die Schweiz distanziert. Berlin ist weiter als Bonn, und das heutige geopolitische Gewicht Deutschlands wiegt im Vergleich zu demjenigen der Schweiz deutlich schwerer als früher. Deutschland wuchs und wächst immer noch in eine völlig veränderte europapolitische Rolle hinein, die Thematik der Mittelmacht zwischen Ost und West ist wieder akut, vor allem seit der Öffnung der EU auf Osteuropa. Die Nachricht von dieser Entwicklung und deren Konsequenzen ist in der Schweiz bislang in breiten Kreisen, aber auch bei Politikerinnen und Politikern vor allem meiner, von der Nachkriegszeit geprägten Generation, noch nicht angekommen.         

Bedenken wir schliesslich beim Thema Willensnation, dass wir von einem Land reden, das den Weg vom Staatenbund zum Bundesstaat nur mit grössten, heute noch wirksamen Vorbehalten gegangen ist. Die Schweizer Kantone verfügen über Hoheitsrechte, wie sie die deutschen Länder in diesem Ausmasse nicht kennen, von den Steuern über die Bildung bis zur Polizei. Dadurch stehen die zum Teil sehr kleinräumigen Kantone – Schaffhausen etwa zählt 73'000 Einwohner, Neuchâtel mit einer eigenen Universität 170'000 - miteinander in zum Teil scharfem Wettbewerb, vor allem im Steuer-, aber auch im Bildungsbereich. Da fällt es schwer, unter dem Druck der Globalisierung zu regionaler Zusammenarbeit in diesen Dossiers zu finden. Bruchlinien sind da nicht nur zwischen der West- und der Deutschschweiz erkennbar, sondern auch zwischen den Metropolitanregionen und den sogenannten Randgebieten. Zudem fehlt  zwischen den urbanen Gravitationszentren Zürich, Basel sowie Lausanne, Genf in der Mitte eine starke Metropolitanregion. Der Kanton Bern ist mit dem Projekt Espace Mittelland gescheitert. So haben wir in der geographischen Mitte der Schweiz, in deren politischem Zentrum, in Wahrheit ein Vakuum. Zusammen mit der zunehmenden Identitätsproblematik unseres Landes führt dieses Vakuum immer wieder zu symbolischen Beschwörungen der Zusammengehörigkeit. So lud unsere sozialistische Westschweizer Bundespräsidentin die zur Geburtsstätte unserer Nation erhobene Rütliwiese für Tage mit einer Prise Patriotismus auf, der die Westschweizer Medien applaudierten und die die Deutschschweizer überraschte. Ich denke, es handelte sich hier eher um den Hinweis auf ein Problem als um dessen Lösung. Der Schweizer Patriotismus, hiess es fast durch die Bank von seiten berufener Kommentatoren, sei halt durch und durch pragmatisch. Was darüber hinausgeht, steht für allerlei Symbole zur Disposition – und sei dies ein Geissbock, das Maskottchen der SVP in ihrer diesjährigen Kampagne für die Gesamterneuerungswahlen des Nationalrates.

Indem die Europäische Union das Ende der Zerstrittenheit der Sprachgemeinschaften bedeutet, denen unsere Sprachregionen angehören, ist eine wichtige Bedingung der Schweiz als Willensnation nicht mehr erfüllbar. Die Schweiz ist kein Gegenentwurf mehr. Sie ist nur noch ein Analogon. Und damit entfällt auf Dauer ihre Abgrenzung gegen aussen. Ist die Schweiz also noch eine Willensnation? Solange wir uns von den anderen abgrenzen. Wir werden sehen, wie lange wir das noch durchhalten.

 

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Der Tagebuchschreiber (Fortsetzung).

Wer frühere Alltagsnotizen zur Hand nimmt, kann auch erschrecken. Wegen der Enge der Sicht, die sich da gelegentlich offenbart, über weite Strecken hin, Monate. Nachträglich stelle ich fest: In meinem Berufsleben als Kommunikationsakteur Deutschschweiz-Westschweiz bin ich oft über längere Zeit vom intriganten Kontext meiner Aktivitäten absorbiert worden, als Mitspieler und Beobachter. Des letzteren dabei mitgeschriebene, damals wohl als Errungenschaft verstandene Metaebene erscheint heute, mehr als 10 Jahre später, in der Lebenssituation der Freistellung altershalber, nur als eine weitere Tunnelwand. Erzählerisch ist die oft nur hingeworfene, tägliche Schreibe meist ungenügend, weil zu voraussetzungsvoll. Meist fehlt die Aufarbeitung der Hintergründe und Umstände der knapp benannten Bewegungen der Figuren auf dem Schachbrett der damaligen Mandate - gewiss, solches geschah anderswo, im Rahmen der Geschäftstätigkeit, und gewiss wird auch in den Carnets gelegentlich eine ausführliche Darlegung der bestimmenden Komponenten einer jener Situationen geboten, die der Lösung harrten - also jenes Resultates, für das ich schliesslich bezahlt wurde. Doch die heute noch interessierenden Analysen sind selten genug, bezüglich des Berufs- wie des Privatlebens. Überhaupt, und das ist das besonders Bedenkliche, entfaltet sich die Gedankenwelt fast ausschliesslich an diesen Lebensbereichen. Dabei war ich gerade damals, um 2006 herum, zuhanden eines Kunden mit der Redaktion von Think Pieces zu Kunst und Design befasst. Nichts davon in meinen persönlichen Notizen. Also, schliesse ich heute, war mein Bezug zu dieser lichteren Sphäre wohl ein technischer. Vordringlich aber waren die doch oft in Konvulsionen ausartenden Bedürfnisse und Konflikte des in seinem Lebenstunnel gefangenen sprechenden Tiers.

Wenn ich also heute manches in meinen Carnets als „Spiegelung meiner Konvulsionen“ bezeichnen würde, so ist das nicht abschätzig gemeint. Es ist eher eine Einladung zur Bescheidenheit. Die ist deshalb nötig, weil das Schreiben auch im Falle der täglichen Notiz kraft der blossen Spiegelung eine Meta-Dimension mit sich bringt, deren Entfernung zum Geschehen vom Schreibenden gerne überschätzt wird. Während also der Schreibende in einem Kraftakt sich von seinem Tun und Lassen zu lösen wähnt, in dem er die ihm gerade auffälligen Aspekte desselben zu formulieren sucht, wird er als sein eigener Leser dann mehr als zehn Jahre später gewahr, wie sehr er noch in seinen Verstrickungen gefangen war. 

Le diariste.

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Gesehenes, Foto und Schreibe.

Das Foto bringt das Gesehene erst zum Vorschein, herausgeholt aus dem Fluss des Sehens, diesem halb geträumten Film, vor die Schreibe, die daran ein weiteres Sehen entwickelt. Wenn sie kann, wenn das Foto dazu gut ist, also zu denken gibt. Schreibe ist Denke. 

Am manchen Fotos, auch von deinen, gleitest du ab. Heisst: Gegen deine Intention lässt du dich oft zu Aufnahmen herbei, an denen du danach nicht hängen bleibst. Weil du das erst danach siehst. Du hast Erfahrung, du hast Ahnung, aber das Foto bewahrheitet sich erst, wenn du darauf zurückkommst - mal beim ersten schon, mal beim zweiten, dritten, vierten Zurückkommen erst. Und dann wieder nicht. Es braucht einen längeren Umgang mit den Fotos, um ihren Wert zu erkennen. 

Ihren Wert bemisst du an der Lebensdichte, die sie dir zuhalten, deines Lebens, anderer Leben, indem sie deine direkte Wahrnehmung, also das, was du für dein Sehen hältst, überbieten: enthalten und überborden. Was in der Malerei der Künstler macht, der mehr sieht als du, macht hier der Apparat. Je stärker er ist in der Aufnahme, desto tiefer dringt er ins Stoffliche des Gesehenen ein, so tief, dass du es erst beim zweiten, dritten, vierten Hinsehen erkennst, unter Vergrösserung und nochmaliger Vergrösserung, von der du zurückkehrst zum Gesamtbild, das dir nun verdichtet vor Augen tritt. Als hätte die Szene im Bild die Materie und die Zeit in sich aufgesogen - um dann beide wieder aus sich heraus zu entlassen bis zum Verschwinden. Dann kehrt das Leben wieder in dich selbst zurück, und du träumst deinen Film weiter, berauscht von der andrängenden Gegenwart der Verhältnisse, der Menschen und Dinge, eingelassen wieder in die gewohnte Enge deiner Allerwelts-Subjektivität. 

Ma petite dialectique.

Dans le jeu de présence/absence qui régit nos relations avec les personnes chères, la foto aide la mémoire à maintenir vivante la présence dans l'absence, présence bien différente de la présence telle qu'elle était, lors de l'actualité de la scène, imaginée maintenant. À la place de la matière, souvent encombrante, des êtres qui, de ce fait, vous repoussent des fois, il y a maintenant des lacunes en esquisse dont le vide fait appel à des élans de l'âme où s'installent facilement la nostalgie et le désir. C'est un aller et retour permanent de soi vers l'autre et vice versa, où soi et l'autre prennent forme et s'affirment. 

Ce qui vaut pour les personnes vaut aussi, mutandis mutatis, pour les lieux. Souvent, il faut partir, rien que pour réapprendre à apprécier et retourner le cœur battant. La foto, alors, ne remplace pas la présence de ce qui est ailleurs, mais pointe vers celle-ci, vous lance vers elle, en vous prenant par les entrailles. Le réel, là, peut combler toutes vos attentes ou vous décevoir outre mesure, en vous repoussant et annihilant vos rêves, dévoilés maintenant comme tels. 

La foto vous permet de vous en tenir à cet état intermédiaire de flottement où le désir se lance vers sa mort dans l'actualité immédiate, pour renaître ensuite avec force dans cette absence qui vous interpelle dans l'image. Machine à consommer le temps à cent pour cent, pour une durée cependant limitée, car elle n'arrivera jamais à absorber le monde entier dans son jeu. Du coup où le dehors fait irruption en la dénonçant comme produisant un dedans, elle se grippe. 

Il n'y a alors qu'à attendre si, oui ou non, elle se remettra à fonctionner. 

Anmerkung zum Denken.

Denken mitmachen, also selber denken, kann ich nur von Sachen her, nicht von Schulbegriffen, weshalb ich über den Status von letzterem im Zweifel bin. Welche Sachen? Summarisch: die Fragmentation der Welt bei Rabelais, die Erzählwürdigkeit des Banalen bei Montaigne, die Selbstvergewisserung des Denkens bei Descartes, die Grenzen der Erkenntnis bei Kant, die Entfaltung des Geistes bei Hegel, Zivilisation als zerfallende Natur bei Rousseau, die phänomenale Produktivität des Bewusstseins bei Husserl, die Zeitlichkeit des Daseins bei Heidegger, die Ich-Losigkeit des Grundbewusstseins bei Sartre, das Überschiessen der Ichbezogenheit bei Tugendhat. Demgegenüber ist das Hantieren mit Schulbegriffen eine unsägliche Überforderung, zunächst des so Hantierenden selbst, denn diese Begriffe gibt es nur kraft der Schulen, nicht kraft der Sachen, das Lebendige aber kommt von den Sachen her. 

Zur Sinnproduktion, vertieft.

Was denn unter „Sinnproduktion“ zu verstehen sei, wurde ich im Anschluss an meinen letzten Beitrag hier gefragt. Ich antwortete etwa so: Im Unterschied zu Lebewesen, die ihrem Instinkt hingegeben sind, bei aller Fähigkeit zu - limitierten - Kalkülen, vermag es der „Mensch“, Bedeutungen jenseits des Instinktiven herauszubilden, an Bedeutungsträgern festzumachen und zu kombinieren. 

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Zur Sinnproduktion, erneut.

Klassische Themen Philosophierender haben mich schon immer weniger interessiert als jenes der Sinnproduktion, das generell eher marginal behandelt wird, bei mir aber in theoretischer wie in praktischer Hinsicht im Zentrum steht. 

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Das Photo und die Bleibe, V.

Deine Bleibe, durchpulst von den Lebensströmen deines Biotops! Und der kultivierte Mensch, demgegenüber? Er wird die Strömungen zu lenken suchen, Vorkehren treffen, sie seinen Wünschen und Gegebenheiten anzupassen. Nicht, sie zu beherrschen, das würde sein Leben austrocknen. Schlimm genug, wenn im zunehmenden Alter ihre belebende Wirkung abnimmt: da heisst’s die selbe Freude mehrfach geniessen, die schönen Szenen mit vielfachem Echo umstellen. Geniess im Geiste zweimal, dreimal, viermal, was dir real nicht mehr tausendfach zu Gebote steht.

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Das Photo und die Bleibe, IV.

Alles schuldet die Bleibe der Erzählung, denn sie braucht eine Vergangenheit und eine Zukunft, um sich als die Stätte deiner Gegenwart zu etablieren. Nun existieren weder die Vergangenheit noch die Zukunft aus sich selbst, es ist die Erzählung, die die Vergangenheit im Gedächtnis hält, und sie ist es, die unsere Wege in die Zukunft entwirft. Gewiss gehört zur Erzählung die Spur, die das Erlebte im Körper zurückgelassen hat, aber was wäre diese Spur, wenn sie nicht mit Worten nachgezogen würde? Eine vielleicht glosende, aber doch vage Linie.

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Das Photo und die Bleibe, III.

Das Photo hält die Szene fest und bestätigt damit den Bezirk, der die Bleibe birgt. Zugleich zeigt es die Vorläufigkeit des Festgehaltenen: „Ich bin eine Momentaufnahme“, sagt das Photo und lädt uns ein, einen Augenblick da zu verweilen. „Stau dies, und die Zeit tritt aus wie ein See.“ (Robert Musil, MoE: Paradiesreise.) Da kann sich der Ort entfalten, kann seine Architektur Gestalt annehmen. Und der ganze zeitgetriebene Fluss der Dinge ergiesst sich in die Struktur, die ihre schöne Fügung zur Schau stellt.

Indem das Photo die Szene auf eine beständige Unterlage aufträgt, auf der sie fortdauern wird, gewährleistet es jederzeit die Rückkehr zu ihr. So wiederholen Photo und Szene die Offerte der Bleibe: „Immer werde ich auf Deine Rückkehr warten.“ Als Gegenstück und Ergänzung der Einladung zur Reise.

In diesem Bezirk als breitet sich der Ort in die Ebene und recken sich die Gebäude gen Himmel - handle es sich um „mein“ Dorf, „meine“ Stadt oder den Wohnort Anderer. In letzterem Fall freilich erhöht sich die Reflexivität des Bildes, erweitert sich der Begriff der Bleibe um diejenige Anderer zu dem der Bleibe überhaupt, und so wechsle ich selbst vom Status des Individuums zu jenem eines Exemplars der Gattung. Solche Exemplarität erfasst da auch die Dimensionen des Ortes und seiner Gebäude. 

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Das Photo und die Bleibe, II.

Die Zeit treibt uns aus dem Augenblick, darin dem Zeichen verbündet, das uns immer aufs nächste Zeichen verweist, und so weiter. Dieser Flüchtigkeit setzt sich das Ansässig-Werden und Wohnen entgegen - auch der Kalender, der die regelmässige Wiederkehr des Gleichen zur Institution erhebt. Sein Wesen ist die Wiederholung, sein Heil das Gesetz, das diese gewährleistet. Nun steht und fällt das Gesetz mit dem gefestigten Sinn der Worte. Es ist ein ständiger Kampf, denn die Dinge ändern sich im Zug der Wiederholung, und damit der Sinn der Worte, die sie benennen, jener Worte auch, die das Gesetz verkörpern. Man kann Massnahmen ergreifen gegen diese Rückkehr der Wechselhaftigkeit, aber es wird nie gelingen, sie ganz zu verhindern. 

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Das Photo und die Bleibe, I.

Nach dem Zurück zur Natur (Die Photographie und das Erscheinende, I - V) der Sturz in die Zivilisation, nach dem Thema des rein Erscheinenden dasjenige des Wohnens in der Stadt, beide Themen zugänglich gemacht über das Photo. Der Verfasser, der seit mehreren Monaten in Bern wohnt, begibt sich also vom Bremgartenwald in die Stadt und deren Quartiere.

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La photo et la résidence, V.

Qu’est-ce qui sous-tend la résidence, das Wohnen, sinon les courants vitaux qui traversent ton biotope! Alors l’homme cultivé, la femme cultivée, face à ces courants? Ils tentent de les moduler! Ce qui veut dire: „faire varier d’une manière souple pour adapter aux conditions du moment“. Ce n’est pas de la maîtrise - qui d’ailleurs risquerait de dessécher le biotope pour les individus qui la pratiqueraient. Il suffit déjà qu’avec l’âge, chez l’individu, les effets de ces courants vivifiants diminuent, phénomène auquel il ne peut remédier qu’en en multipliant les échos dans les scènes „qui lui chantent“. 

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La photo et la résidence, IV.

La résidence doit tout au récit, car il lui faut un passé et un avenir pour pouvoir se constituer comme l’assise du présent qu’elle prétend être, du moins pour le bourgeois-citoyen moyen, dont il s’agit ici. Or ni le passé ni l’avenir n’existent par eux-mêmes, c’est le récit qui retient le passé dans notre mémoire, et c’est lui qui nous projette vers l’avenir. Bien sûr que ce récit, c’est aussi la trace d’un vécu déposée dans notre corps, mais que ferions-nous de la seule trace sans le récit qui la retrace? Rien que du flou.

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La photo et la résidence, III.

La photo fixe la scène et ce faisant confirme l’habitat qui, lui, héberge la demeure. En même temps, cependant, elle donne à voir le caractère passager de ce qu’elle fixe. „Ich bin eine Momentaufnahme“, dit-elle - et nous invite à nous arrêter là, pour un moment. „Stau dies, und die Zeit tritt aus wie ein See.“ (Robert Musil, MoE, Paradiesreise.) C’est alors que la structure peut se déployer, que l’architecture prend corps. Et tout ce flux temporel de couler dans la structure qui exhibe sa belle architecture.

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La photo et la résidence, II.

Le temps est une pulsion qui nous jette hors du moment présent, il est en cela en connivence avec le signe, qui nous renvoie toujours au signe prochain, et ainsi de suite. Rester à la même place, y prendre domicile, va à l’encontre de cette volatilité de l’être-là. La résidence s’oppose au temps et à la fuite des signes - par le calendrier d’abord, qui institue le retour régulier du même. La répétition est son truc, la loi qui la garantit son salut. Or pour que la loi soit, il faut stabiliser le sens des mots, arrêter ce sens une fois pour toutes. C’est un combat permanent, car au cours de la répétition, il arrive que les choses changent, et que change le sens des mots, même de ceux qui sont appelés à donner corps à la loi. L’on peut prendre des mesures contre ce retour corrosif de la volatilité, mais on n’arrivera jamais à l’éviter tout-à-fait.

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La photo et la résidence, I.

Après le retour à la nature (voir la photo et le phénomène, par ici), la chute dans la civilisation, après le thème du phénomène à l’état pur, celui de la résidence dans la Cité, ces deux thèmes approchés ici via la photo. Domicilié depuis quelques mois à Berne, l’auteur, ce photographe quelque peu penseur sur les bords, passe donc de la forêt de Bremgarten à la ville, à ses quartiers. 

Le mot „résider“ nous vient du latin „re-sidere“, de „sedere“, s’asseoir, être assis, précédé d’un „re-„, qui marque la répétition qui, elle, confirme l’existant dans son être: Existe ce qui se répète. C’est, ici, l’assise de celle ou celui qui est assis, "ansässig", ce fondement à partir duquel ma maison s’affirme comme mienne dans l’enceinte de la cité, propriété liée au statut de citoyen, à celui de majeur, des „Mündigen“, de celui qui a la parole. 

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Die Photographie und das Erscheinende, V.

Auf meinen Wegen und meinen Pfaden, den Blick fest auf die Spur meiner Route geheftet, dem Zeitstrom hingegeben, lass ich mich treiben vom fortreissenden Augenblick, der unaufhaltsam und stetig von der nahen Zukunft in die nahe Vergangenheit fliesst, eng geführt die Szenerie der vorüberziehenden Zeit, die sich anfühlt, als wär’ sie ewig, so, wie sie den Menschen in seiner wilden, noch unzivilisierten Schicht in Beschlag nimmt. 

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Die Photographie und das Erscheinende, IV.

Ich schlage vor, die formale Aesthetik des Photos auf die existenzielle Bruchstelle zu beziehen, der die Bilder geschuldet sind: diejenige zwischen dem unreflektierten (Selbst-) Bewusstsein und dem reflektierten, dieser Bedingung der Möglichkeit des Entstehens der Szene. Denn erst im Schritt zurück vom Geschauten ins Reflexive, dieser Brechung des unmittelbaren Bezugs, dem die Szene entspringt, wird der Schauende des Geschauten und seiner selbst gewahr. 

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Die Photographie und das Erscheinende, III.

In einem Rahmen, der die Szene ausschneidet und sie aus dem Fluss der Zeit in die Dauer hebt, leben die Personen, die anderen Lebewesen und die Dinge weiter als Formen und Gestalten in Bewegung. Während die Zeit alles Lebendige mit sich reisst und von der Gegenwart in die Vergangenheit stösst, lebt die photographierte Szene auf ihre Weise weiter und ragt so auch aus ihrem jeweiligen späteren Umfeld heraus. Von diesem wird sie freilich immer wieder affiziert, denn ihr Sinn ist nicht abschliessend festgelegt, sondern als Frage aus einem Mangel heraus für die Lektüre unabschliessbar offen. Dabei erlangt die ursprüngliche Intention des Photographen niemals eine Deutungshoheit, die ihren Sinn zu sättigen vermöchte. Die produktive Photographie zeichnet sich im Gegenteil dadurch aus, dass sie ein Sinn-Defizit in die Welt setzt und damit der sinn-produzierenden Lektüre Raum gibt. Eine Künstlerin, ein Künstler ist jene oder jener, die, der in der grossgeglückten Tat die eigene Intention im Gang ins Offene hinter sich lässt.

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Die Photographie und das Erscheinende, II.

Immer schon hat sich der Betrachter dem Geschauten entgegengeworfen, ist er uranfänglich im Bezug zu diesem gefangen. Mit dem Photo tritt er daraus einen Schritt zurück, holt er sich das Seinige aus diesem Bezug. Es ist eine Rückkehr zu einem Sich-Selbst, das es nur in diesem Zurück gibt, denn da erst eröffnet sich der Abstand zwischen dem Betrachtenden und dem Geschauten. Der Abstand gibt die Szene frei, die Lichtung ist und Abgrund zugleich.

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Die Photographie und das Erscheinende, I.

Gegenüber dem Erscheinenden wird mir die Photographie im vorrückenden Alter immer wichtiger. In der Jugend prägte Edmund Husserls Phänomenologie meine Wahrnehmung, zentral waren die Cartesianischen Meditationen, hinzu kamen Lektüren von Sartre, Heidegger, Merleau-Ponty, Derrida, Blanchot…

Aus dieser Zeit sind mir noch zwei Handlungen gut in Erinnerung. Von Seiten Husserls die phänomenologische Reduktion, in deren Vollzug die Seinsgeltung der geradehin wahrgenommenen, vermeintlichen Wirklichkeit „eingeklammert“ und damit ausser Kraft gesetzt wird, von Seiten Derridas die Einkehr ins Geschehen der „différ-a-nce“, des in allem Unterscheiden und Unterschied waltenden Risses, zunächst in der Anzweiflung der unmittelbaren, vermeintlich herausgehobenen Selbstpräsenz des Subjekts - was uns an Marx und Freud, ja auch an Hegel erinnert. Die Selbstgewissheit des Subjekts wird in dessen Einsicht in die unabschliessbare Verschiedenheit von sich selbst preisgegeben: Es wird sich nur geschenkt im Gegenübertreten, in der Trennung von sich selbst.

Beide Handlungen sind dem alltäglichen Weltbezug entgegengesetzt. Deshalb der Ausdruck „Handlungen“. Um diese Gedanken zu fassen, muss eine, einer nämlich an sich selbst handeln, sich verändern in der Veränderung ihrer, seiner Erfahrung. Darum das Pathos in Husserls Meditationen. 

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La photo et le phénomène, V.

Dans la grande forêt du Darss.
Dans la grande forêt du Darss.
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La photo et le phénomène, IV.

Voir aussi: la photo et le phénomène, I, II, III

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Übers Altern.

Kleine Ansprache aus Anlass eines 60sten Geburtstages im Bekanntenkreis.

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La photo et le phénomène, II.

Lire d'abord le billet précédent, la photo et le phénomène, I, du 4 avril 2017.

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La photo et le phénomène, I.

Sur le tard, je pratique la photo pour mieux saisir le phénomène. Dans ma jeunesse, je me suis intéressé à la phénoménologie de Husserl (surtout les Méditations cartésiennes, mais à bien d’autres textes sur la réduction phénoménologique aussi) - ce fut en relation avec des lectures de Sartre, Heidegger, Merleau-Ponty, Derrida, Blanchot... 

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Der Kriegsberichterstatter und die existenzielle Photographie.

Letzthin veranstaltete eine Photographische Gesellschaft, die sich sonst eher mit formalen Aspekten der Photographie beschäftigt, einen Abend mit einem Kriegsberichterstatter. Es ging um die Schlacht um Mosul, die noch heute, im März 2017, im Gange ist. Der Mann war dort schon mehrmals an der Front gewesen, und er wird in wenigen Wochen wieder hinreisen. Die Mitglieder der Gesellschaft waren gewarnt: Es würden auch Bilder gezeigt, die Medien in unseren Breitengraden nicht publizieren, von sterbenden und toten Menschen. Er sei diese Tabuisierung leid, erklärte der Vortragende. 

 

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Lässt sich "Welt" fotografieren?

Lässt sich eine Szene so fotografieren, dass zu sehen ist, wie ein Hauch von Welt sie durchzieht? Etwa so, wie sich das bei Dialogen von Marguerite Duras oder Maurice Blanchot mitteilt? Szenen über dem Abgrund des Nichts oder des Neutre also? Mit dem Rand der Welt als Horizont?

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Fotografie: Szene und Welt.

Rheinau (CH), von Altenburg (D) aus gesehen.
Rheinau (CH), von Altenburg (D) aus gesehen.
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Meine Zeit in Romanshorn.

Als ich in der ersten Hälfte der Fünfziger Jahre als 7-, 8jähriger erstmals allein von Zürich mit dem Zug nach Romanshorn reiste zu meinen Grosseltern in Salmsach, beeindruckten mich die riesigen Lagerhäuser hinter dem Bahnhof am Hafen, die aufzuragen schienen gegen das fremde Land am anderen Ufer. Wollte das Kind vom Gleis hinüber zu den Schiffen, wartete es erstaunt, bis die Bahnhofarbeiter die schweren Ketten eingezogen hatten, mit denen die Passanten von den ein- und ausfahrenden Zügen getrennt werden mussten. 

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Kurze Anmerkung zur Sinn-Frage.

Wir selbst verleihen unserem Dasein Sinn - wenn wir denn dazu fähig sind. Wer es nicht kann, verlässt sich auf Autoritäten. Die sind in unseren Breitengraden in der Nachkriegszeit halbwegs abgeschafft worden, zumal in ihrer personalisierten Gestalt. Unverrückbar scheinende Normen sind verschwunden, andere sind in Geltung gekommen, im Verhalten etwa der Geschlechter zueinander - was den einen die Entfaltung erleichterte und manche weniger Bedarfte in die Orientierungslosigkeit stürzte.

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Geburtstagswünsche: Glissez mortels, n'appuyez pas!

Ganz dünnes Eis trägt hier der Schlittschuhläufer Tanz,

ein Abgrund jenen, die den Boden bald verlieren,

so flüchtig nur ist unsrer Freuden leichter Glanz.

Gleitet, ihr Sterbliche, statt tief und tiefer zu sinnieren. 

 

(sehr freie Übersetzung von mir, Peter Köppel, Original unten stehend)

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De la densité de l'existence.

La seule perception est tellement riche en impressions variées qu'elle est, pour bien des gens, un motif majeur de tenir à la vie, quelle qu'elle soit. Il en est même qui fondent sur cette richesse leur préférence de la pauvreté et de l'insignifiance, comme Robert Walser. La production de sens qu'offre cette couche primaire de l'existence se joue en dehors des grandes machines à sens mises en place par nos sociétés: les religions d'abord, les idéologies ensuite, les carrières enfin. C'est cette richesse toute sensuelle qui nourrit les âmes malgré elles, mystifiées qu'elles sont souvent par ces appareils-là.

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la photographie, créatrice de distance.

Vous photographiez ce que vous aimez. Soit. Or vous concèderez que ce que vous aimez, vous ne le possédez pas. Car la possession tue l'amour. D'où le motif de garder la distance dans vos rapports avec ce que vous voulez continuer d'aimer. Et c'est là qu'intervient la photographie.

Le regard se lance vers l'objet et se fait manger par lui ou le mange. Voilà la distance annulée. La photo la ressuscite grâce à l'intervention de l'appareil qui emprisonne l'objet dans la scène de son apparition du moment, tandis que votre regard continue d'évoluer dans le temps: elle sépare ainsi le regard et l'objet, distance où le désir trouve sa demeure en même temps que le regard est rendu à lui-même, pure conscience de soi respirant l'indépendance précaire d'un animal qui ne saurait se passer ni de son environnement ni de son entourage.

La photographie atteste, prolonge et confirme cette fissure qu'est la conscience de soi dans le flux ininterrompu en soi du présent, elle documente le passage de l'homme, animal producteur de sens.

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Mes photos du Maroc revisitées.

Vous passez un temps ailleurs? Pour valoriser votre séjour, vous prenez des photos. Il y a là tout un ensemble de motifs: en garder le souvenir, en apprécier ex post des aspects que l'on ne voit pas sur-le-champ, montrer vos exploits à votre public à vous, etc. Ce sont là des motifs où la photo fonctionne comme un moyen en vue d'une fin en dehors d'elle. Mais la photo peut constituer une fin en soi, par exemple quand je me rends à tel endroit pour faire de belles photos, ou des photos intéressantes sous tel et tel point de vue. Là, on pourra distinguer la forme du contenu: Est-ce plutôt la qualité de la photo elle-même qui m'intéresse - ou l'intérêt qu'offrent la scène ou l'objet photographiés? 

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Des stimuli de l'existence.

C'est dans l'économie privée que j'ai fait la connaissance des forcenés du travail, de ces entrepreneurs et managers assidus que seul mobilise le stimulus de la concurrence et du gain. Quels ravages quand il n'y a plus que ça... Chez elles comme chez eux, le plaisir se réduit à une hygiène psycho-physique, ce n'est plus une dimension de l'existence, mais une fonction... 

Et le vivre ensemble des couples lui aussi conduit irrémédiablement à cette réduction de la dimension existentielle à la fonction hygiénique.

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Das Gesellschaftliche und das Existenzielle.

Gemeinhin begreiflich dürfte sein, wenn einer mit zunehmendem Alter vom Gehege weg mehr ins Existenzielle geht, gerade dann, wenn's einer ist, dem diese Sphären seit je eher ein Auseinander denn ein Ineinander waren. Das Gesellschaftliche bildet für ihn einen Innenraum voller Sinn gegen das Existenzielle, diese noch fast sinnleere Dimension des schlichten Daseins.

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